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Die Mühle, die auf dem Meeresgrund mahlt

Märchen aus Norwegen

Es waren einmal in uralter Zeit zwei Brüder, der eine war reich, und der andre war arm. Als nun das Weihnachtsfest herankam, hatte der Arme keinen Bissen Fleisch und Brot im Hause. Er ging darum zu seinem Bruder und bat ihn um eine Kleinigkeit um Gottes willen. Nun war es aber nicht das erstemal, daß der reiche Bruder dem armen etwas gegeben hatte, und er war daher nicht sonderlich froh, als er ihn kommen sah. "Willst du tun, was ich dir sage," sprach er, "so sollst du einen ganzen Schinken haben, so wie er im Rauche hängt." — "Ja," sagte der Arme, das wollt' er gern, und er bedankte sich im voraus. "Da hast du ihn!" sagte der Reiche, indem er ihm den Schinken zuwarf, "nun geh damit zur Hölle!" — "Hab' ich es versprochen, so muß ich es wohl tun," sagte der andre, nahm den Schinken und ging fort.

Er wanderte wohl den ganzen Tag, und als es dunkel wurde, erblickte er vor sich einen hellen Lichtschimmer. "Hier muß es sein," dachte er. Etwas weiter hin im Walde aber stand ein alter Mann mit einem langen weißen Bart und haute Holz. "Guten Abend!" sagte der mit dem Schinken. "Guten Abend!" sagte der Mann; "wo willst du hin?" — "Oh, ich wollte nur zur Hölle," versetzte der Arme; "aber ich weiß nicht, ob ich recht gegangen bin." — "Ja, du bist ganz recht gegangen," sagte der alte Mann; "denn das hier ist die Hölle." Und weiter sagte er: "Wenn du nun hineinkommst, so werden sie dir wohl alle deinen Schinken abkaufen wollen; denn Schweinefleisch ist ein seltenes Gericht in der Hölle. Aber du sollst ihn für kein Geld verkaufen, sondern sollst dafür die alte Handmühle verlangen, die hinter der Tür steht, wenn du dann wieder herauskommst, will ich dir auch zeigen, wie du sie stellen musst, denn die Mühle ist zu etwas gut, mußt du wissen." Der Mann mit dem Schinken dankte für den guten Bescheid und klopfte beim Teufel an.

Als er in die Hölle eintrat, geschah es, wie der Alte ihm gesagt hatte: alle Teufel, groß und klein, sprangen um ihn herum, und der eine wollte den Bauchschinken lieber haben als der andere. "Es war freilich meine Absicht, ihn zum Weihnachtsheiligenabend mit meinem Weibe zu verschmausen," sagte der Mann; "aber weil ihr alle so erpicht darauf seid, will ich ihn euch wohl überlassen. Aber ich verkaufe ihn für keinen andern Preis als für die alte Handmühle, die da hinter der Tür steht." Damit wollte aber der Teufel nicht gern herausrücken, und er dang und feilschte mit dem Mann, aber der blieb bei dem, was er gesagt hatte, und da mußte ihm denn der Teufel endlich die Mühle überlassen. Als der Mann nun wieder aus der Hölle herausgekommen war, fragte er den alten Holzhauer, wie er denn die Mühle stellen müsse, und als der es ihm gesagt hatte, bedankte er sich und machte sich wieder auf den Heimweg. Aber wie sehr er auch ausholte, so kam er doch nicht eher als nachts um zwölf Uhr zu Hause an.

"Aber wo in aller Welt bist du denn eigentlich gewesen?" sagte seine Frau, als er eintrat; "ich hab' hier gesessen und gewaltet von einer Stunde zur andern und habe nicht einmal zwei Holzsplitter Kreuzweis übereinander unter den Grützkessel zu legen, damit ich uns ein Weihnachtsessen koche." — "Oh," sagte der Mann, "ich konnte nicht gut eher kommen, denn ich hatte ein Geschäft zu besorgen und mußte deshalb einen weiten Weg machen, aber nun sollst du mal sehen, was ich uns mitgebracht habe!" Und damit stellte er die Mühle auf den Tisch und ließ sie mahlen, erst Lichter, dann ein Tischtuch, danach Essen und Bier und alles, was zu einem guten Weihnachtsschmaus gehört, und so wie er es der Mühle befahl, so mahlte sie. seine Frau stand da und bekreuzte sich das eine Mal über das andre und wollte durchaus wissen, wo der Mann die Mühle herbekommen hätte, aber damit wollte er nicht heraus. "Es kann dir ganz einerlei sein, woher ich sie habe, Frau," sagte er,"du siehst, daß die Mühle gut ist und daß das Mahlwasser nicht alle wird, und das ist genug." Und er mahlte Essen und Trinken und alles, was gut schmeckt, für das ganze Weihnachtsfest, und am dritten Tag bat er seine Freunde zu sich; denn er wollte ihnen einen Gastschmaus geben.

Als der reiche Bruder sah, was da alles zum Schmaus bereitstand, lief es ihm heiß und kalt über die Haut, weil er seinem Bruder durchaus nichts gönnte. "Am Weihnachtsabend," sagte er zu den andern, "war er noch so bettelarm, daß er zu mir kam und mich um eine Kleinigkeit in Gottes Namen bat, und nun auf einmal läßt er's draufgehen, als wenn er Graf oder König geworden wäre. — wo, zum Satan hast du all den Reichtum herbekommen?" fragte er den Bruder. "Hinter der Tür," sagte der; denn er hatte keine Lust, ihm zu beichten. Aber gegen Abend, als er ein wenig über den Durst getrunken hatte, konnte er sich nicht länger halten, sondern kam mit der Mühle zum Vorschein. "Da siehst du die Gans, die mir all den Reichtum gebracht hat," sagte er und ließ die Mühle bald dies, bald jenes mahlen. Als der Bruder das sah, wollte er ihm die Mühle durchaus abkaufen; aber der andre wollte sich anfangs gar nicht dazu verstehen. Endlich aber, wie der Bruder so sehr darum anhielt, sollte er sie denn für dreihundert Taler haben; aber bis zum Heumonat, das bedang er sich aus, wollte er sie noch behalten. "Denn," dachte er, "hab' ich sie noch so lange, so kann ich mir Essen damit mahlen für manches liebe Jahr." In dieser Zeit nun wurde die Mühle nicht rostig, wie man sich wohl denken kann, und als der Heumonat herankam, erhielt sie der Bruder, aber der andre hatte sich wohl gehütet, ihm zu sagen, wie er sie stellen müßte. Es war am Abend, als der Reiche die Mühle nach Hause brachte, und am Morgen sagte er zu seiner Frau, sie sollte mit den Schnittern ins Feld gehen und das Heu hinter ihnen kehren, er wolle derweilen das Mittagessen bereiten. Als es nun so gegen Mittag war, stellte er die Mühle auf den Küchentisch und sprach: "Mahl' Hering und Milchsuppe, daß es eine Art hat!" Da fing die Mühle an zu mahlen Hering und Milchsuppe, erst alle Schüsseln und Töpfe voll, und nachher so viel, daß die ganze Küche davon schwamm. Der Mann stellte und drehte die Mühle, aber wie er sie auch hantieren mochte, die Mühle hörte nicht auf zu mahlen, und zuletzt stand die Milchsuppe schon so hoch, daß der Mann nahe daran war, zu ertrinken. Nun riß er die Stubentür auf, aber es dauerte nicht lange, so hatte die Mühle auch die Stube vollgemahlen, und nur mit genauer Not konnte der Mann noch die Türklinke in der Flut von lauter Milchsuppe erfassen, wie er nun die Tür aufgemacht hatte, stürzte er hinaus ins Freie, und Hering und Milchsuppe immer hinter ihm drein, so daß der ganze Hof und das Feld davon strömte.

Indessen deuchte es die Frau, die das Heu auf dem Felde kehrte, es daure ziemlich lange, eh' der Mann käme und sie zum Mittagessen riefe, "wir wollen nur nach Hause gehen," sagte sie zu den Schnittern; "denn ich kann es mir wohl denken, er kann mit der Milchsuppe nicht allein fertig werden, und ich muß ihm dabei helfen." Sie machten sich also auf und gingen nach Hause. Als sie aber hinter den Berg kamen, schwamm ihnen Hering und Milchsuppe und Brot entgegen, alles durcheinander, und der Mann lief immer voran. "Gott gebe, daß jeder von euch hundert Bäuche hätte, um alles in sich zu schlingen!" rief er. "Nehmt euch aber in acht, daß ihr nicht in meinem Mittagessen ersauft!" Und damit fuhr er an ihnen vorbei, als war' der Teufel hinter ihm her, und hinüber zu seinem Bruder. Den bat er nun um Gottes willen, er möchte doch sogleich die Mühle wieder nehmen, "denn mahlt sie noch eine Stunde dazu," sprach er, "so vergeht das ganze Dorf in lauter Hering und Milchsuppe." Der Bruder aber wollte die Mühle nicht wieder nehmen, wenn der andre ihm nicht noch dreihundert Taler dazu bezahlte, weil nun durchaus kein andrer Rat war, so mußte der Reiche schließlich mit dem Gelde herausrücken.

Nun hatte der Arme sowohl Geld als die Mühle, und da dauerte es denn nicht lange, so hatte er sich ein Haus gebaut, noch weit prächtiger als das, worin der Bruder wohnte. Mit der Mühle mahlte er so viel Gold zusammen, daß er die Wände mit lauter Goldplatten bekleiden konnte, und das Haus lag so nahe am Strande, daß man den Glanz davon schon von weitem auf dem Meere sah. Alle, die da vorbeisegelten, hielten dort an, um den reichen Mann in dem goldenen Hause zu besuchen und die wunderbare Mühle zu sehen; denn es ging davon ein Gerede weit und breit. Einmal kam auch ein Schiffer dort vorbei, der wollte ebenfalls die Mühle sehen, und als er sie gesehen hatte, fragte er, ob sie auch wohl Salz mahlen könne. "Ja, Salz kann sie auch mahlen," sagte der Mann. Und nun wollte der Schiffer sie ihm durchaus abkaufen, sie möchte kosten, was sie wolle, "denn habe ich die Mühle," dachte er, "dann brauch' ich nicht immer so weit übers wilde Meer zu segeln, um Salz zu holen, sondern kann mir einen guten Tag machen." Anfangs aber wollte der Mann sie durchaus nicht losschlagen; aber der Schiffer bat ihn so lange und so flehend, bis er sie ihm endlich für viele tausend Taler verkaufte.

Als nun der Schiffer die Mühle bekommen hatte, blieb er nicht lange in der Gegend, denn er dachte, dem Mann könne der Handel nachher wieder leid werden. Er ließ sich auch nicht einmal so viel Zeit, daß er ihn fragte, wie er die Mühle stellen müßte, sondern ging schnell auf sein Schiff und stieß vom Lande. Als er ein Ende hinausgekommen war in die große See, nahm er seine Mühle hervor. Mahl' Salz, daß es eine Art hat!" rief er. Da fing die Mühle an und mahlte Salz, daß es knisterte und sprühte, als der Schiffer sein Schiff voll hatte, wollte er die Mühle stopfen, aber wie er auch anfing und sie stellen und drehen mochte, die Mühle mahlte immerfort, und der Salzhaufen wuchs höher und linier höher, und zuletzt versank das ganze Schiff ins Meer. Da steht nun die Mühle auf dem Meeresgrund und mahlt und mahlt noch bis auf den heutigen Tag. Und daher kommt es, daß das Meerwasser so salzig ist.

 

Quelle: Norwegische Volksmärchen, Peter Asbjörnsen und Jörgen Moe, o.J., S. 74

 

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